Frau Lara Fröhlich betrat schwungvoll ihren Arbeitsplatz im Labor, begrüßte ihre Kollegin, Frau Julia Seele, setzte sich an ihren Platz und holte ihre Unterlagen aus der Schublade. Gerade wollte sie Julia erzählen, wie sie ihre freien Tage verbracht hatte, als die Stimme ihres Chefs durchs Labor dröhnte. „Frau Fröhlich!! Bitte kommen sie in mein Büro!“ Sie zuckte leicht zusammen, stand nach einigen Sekunden auf und ging zum Chefbüro.
Sie klopfte an und betrat, mit leichten Magenschmerzen, das Büro von ihrem Chef.
„Bitte, nehmen sie Platz“, er deutete auf einen der zwei Stühle, die vor seinem Schreibtisch standen.
„Ich bin gleich soweit.“ Herr Dr. Griesgram hackte im Zwei-Finger-Such-System auf seine Tastatur ein. Währendessen rutschte Lara auf ihrem Stuhl unruhig hin und her.
Jetzt lässt er mich wieder warten, dachte sie.
„Einen kleinen Moment noch, Frau Fröhlich.“ Er tippte eifrig weiter. Er sprach jeden, so oft er nur konnte, mit Namen an.
„So!“ Er machte eine fahrige Handbewegung. „Dieser Papierkram… Bürokraten… haben ja keine Ahnung“, nuschelte er vor sich hin und packte seine Unterlagen in eine Schublade.
Sie sah ihm ins Gesicht. Sein Doppelkinn und seine Speckfalten am Hals riefen in ihr leichten Ekel hervor.

„Es geht um ihre Projekte, Frau Fröhlich“, fing er das Gespräch endlich an und fixierte sie mit seinen gelb-grünen Augen. „Aber vorher sollten wir ein Personalgespräch führen das Letzte liegt ja nun schon etwas länger zurück!“ Er zwinkerte. „Sie haben natürlich nichts dagegen, oder?“ Mit lauerndem Blick starrte er sie an. Anscheinend erwartete er, dass sie ihm widersprach.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete sie scheinheilig und ignorierte seinen penetranten Blick, indem sie ihm auf die Nase schaute. Der lauernde Blick verschwand darauf augenblicklich und er wandte sich seinen Unterlagen zu.
„Es sind mir, in ihrer Abwesenheit, ein paar Dinge aufgefallen.“ Er holte tief Luft und sprach weiter. „Sie werden in Zukunft die Qualitätskontrolle allein übernehmen. Ich habe das Gefühl, dass sie korrektes Arbeiten erst lernen müssen. Ihre Arbeitsweise ist chaotisch und unstrukturiert.“
Sie nickte, verstand aber nicht wirklich was er meinte. Sie verließ ihren Arbeitsplatz immer sauber und…
„Die Qualitätskontrolle…“ riss er sie aus ihren Gedanken. „…ist ein Gütesiegel, da dürfen wir keine Fehler machen. Ihre Protokolle, Frau Fröhlich, sehen ordentlich aus, aber der Inhalt, Frau Fröhlich, manchmal muss ich lachen.“ Er lachte aus vollem Halse, als hatte er einen besonders guter Witz erzählt.
Sie zog ihre Mundwinkel nach oben und grinste, nur aus Höflichkeit, mit. Sie empfand, ab dem ersten Tag an, schon eine heftige Abneigung gegen diesen Mann. Auch wenn sie es niemandem erzählen würde, fühlte sie sich von seinen Blicken sexuell belästigt.
„Wissen sie, Frau Fröhlich, ich habe ein Puzzle in meinen Kopf und bei diesem Puzzle fehlen ein paar Teile. Sie erledigen eine Aufgabe, ein Puzzleteil, und ich versuche dieses Puzzleteil einzufügen. Nur irgendwie passen einige Teile nicht in das Bild. Es kommt mir so vor, als würde sie sich die besten Werte aussuchen und die anderen verschweigen. Es passt nicht zusammen, Frau Fröhlich, verstehen sie was ich meine?“ Die ganze Zeit starrte er sie an, musterte sie immer wieder von oben bis unten.
„Ich verstehe was sie meinen, ich fälsche keine Werte.“ Ihre Stimme zitterte. So einen Ansturm auf ihre erledigte Arbeit hatte sie nicht erwartet. „Frau Fröhlich“, begann er wieder, ohne weiter darauf einzugehen, „wir werden für ihre Projekte einen Zeitplan erstellen, an den sie sich zu halten haben. Wenn sie etwas nicht verstanden haben, dann fragen sie nach!“
„Ja“, lenkte sie ein, aber gleichzeitig stieg Wut in ihr hoch. Chaotische Arbeitsweise, das ich nicht lache, er lässt doch selber alles liegen, dass ich dann wegräumen muss.
„Sie erledigen zuerst die Qualitätskontrolle, bevor sie mit ihrer Projektarbeit weiter machen. Ich werde mir vor Feierabend die Protokolle der geprüften Produkte genau anschauen.“ Er machte eine abschließende Geste.
„Ist ok!“ Sie sagte es mit Nachdruck und hoffte, dass sie sich jetzt den Projekten zuwenden konnten.
Vor sich hin starrend und mit knetenden Händen, wartete sie darauf, dass er weiter sprach. Er packte, wie von ihr gehofft, die Unterlagen weg und holte die Mappe mit ihren Projekten hervor.
Nach einer halbstündlichen Unterweisung verließ sie das Zimmer mit finsterem Gesicht und suchte ihre Kollegin auf.