Lieber Gott, schenk mir einen Pfennig, kein Auto, kein Haus, keine Fabrik,
 was soll ich damit, schau mich an, das bin ich nicht.
 Dann fang ich an zu rechnen und muss einen Schlips tragen,
das macht mich nervös.
Schenk mir einen Pfennig, schick mich auf die Wanderschaft und lass mich Dein Vagabund sein.

Ich will den Tau von den Rosen streichen, die fallenden Blätter einsammeln, den Schnee von den Bäumen schütteln, über eine buckelige Brücke gehen in ein Land voller schmaler grüner Fensterläden, wo den ganzen Tag die Sonne scheint und das Meer so grün ist, dass man nicht mehr davon los kommt.

Schenk mir einen Pfennig und er wird mir Glück bringen, denn das Glück, das ich suche, ist nicht Wohlstand, nicht Geborgenheit, nicht Erfolg und nicht Gesundheit; geh mir weg mit Knoblauchpillen, das Glück, das ich suche, ist das große, schöne, wundersame Gefühl. Jeden Tag eine Handvoll.

Musik hören und alles durcheinanderbringen, Beethoven, Mozart, Vivaldi und Edith Piaf, genügt doch, wenn ich´s spüre, den Candlelightwalzer und die Elisabethserenade, die russischen Lieder, die französischen Lieder, die jugoslawischen Lieder und die Wiegenlieder der ganzen Welt. Nur hören, die Beine ausstrecken und Deinen Pfennig in der Hand halten.

Die Landstraße entlang tanzen wie ein alter Bär, den Wäscherinnen am Bach winken, eine Säule anfassen, die tausend Jahre alt ist, und mit den Fingern über die Kerben streichen. Einen Slibowitz trinken, hören wie es donnert, sehen, wie es blitzt, durch den warmen Regen marschieren, in einem weißen Fischerdorf an der Mole sitzen, Steinchen ins Wasser werfen und niemanden fragen wie spät es ist, Warum auch?

Die Farben der Nebel zählen, wenn sie sich am Morgen von den Wiesen lösen, in den Kinderwagen gucken, den Rauch von Holzfeuer einatmen, von der Stadtmauer einen Mönch beim Lesen beobachten, grünschimmernde Kirchtürme, gesprenkelte Dächer, sprudelnde Brunnen, Portale, Kolonnaden, Bögen, Terrassen, Treppen und hunderttausend schmale, grüne Fensterläden
Auf einen Berg steigen, durch die Wolken durch, droben auf dem Gipfel sitzen, lichtübergossen, nichts sagen, nur deinen Pfennig in der Hand halten. Am blühenden Oleander riechen, die Grillen zirpen hören, über einen Zaun steigen und die Fohlen streicheln, silberne Haare kriegen und allen Leuten guten Tag sagen.

Die Hand unter den Wasserfall halten, in engen Gassen die Stufen hinaufsteigen, ein paar Trauben pflücken, den weißen, schlanken Schiffen nachsehen, auf dem warmen Boden sitzen, bis die Sonne untergegangen ist, in einer Kapelle beten, hinten in der Ecke, für alle, die das nie gesehen, nie gespürt haben, und dann ganz voll in der Ferne verschwinden mit einem schmalen grünen Fensterladen unterm Arm,
 Dir Deinen Pfennig zurückbringen.

Nordsee Zeitung Bremerhaven